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NZZ Folio 7/04
Um die Wurst
St. Galler Wahrzeichen

St. Galler Delikatesse: Oscar Peter von
der Metzgerei Schmid mit Bratwürsten.
ES IST NICHT die Stiftsbibliothek,
weder das Klosterviertel noch der Signer-Brunnen, was mich als erstes
lockt, wenn ich nach langer
Zeit wieder nach St. Gallen komme. Es ist der nächste Bratwurststand.
Schnurstracks geht's vom Bahnhof zu Gemperli, Rietmann, Schär oder
Schmid, wo ich mir eines der Prachtexemplare pflücke - frisch vom
Grill natürlich, aber nicht zu dunkel, bitte. Vergessen sind nun
alle die fettigen und wässrigen Würstchen, mit denen wir in
der Fremde vorliebnehmen mussten. Ein erster Biss ins Pralle - und wir
sind wieder ganz zu Hause.
St. Galler Kalbsbratwürste gibt es im ganzen Land, doch so wie eine
St. Galler Kalbsbratwurst in St. Gallen schmeckt keine. Selbst die Wurst
von der Migros ist hier ganz passabel - feiner im Brät, dezenter
in der Würze als anderswo. Woran das liegt? Am Fleisch und an den
Gewürzen, meint der eine; am St. Galler Wasser, das der Wurstmasse
in Form von Eis beigegeben wird, meint ein anderer. Ein Dritter verweist
auf die lange Tradition des einheimischen Wurstschaffens.
Bereits im Jahre des Herrn 1438 schrieb die St. Galler Metzgerzunft in
ihren Satzungen fest: "Item die Bratwürst söllend sy
machen von schwinignenn Braten, unnd darunter hacken gut Kalbelen und
jung Ochsen mit Kalber Zenen. Unnd namlich under drü Pfund Bratten
ain Pfund Speck tun unnd nit minder. Si sonnd och kain Nieren, Hertz
noch Halsflaisch darzu nehmen." Die heutige Bratwurstrezeptur ist
zwar längst nicht mehr dieselbe, aber die Basis für das besondere
St. Galler Qualitätsbewusstsein in Sachen Wurst war damit gelegt.
Oscar Peter, Patron der Metzgerei Schmid, die nach Meinung vieler die
allerbeste St.Galler Bratwurst produziert, verwendet für seine
Würste ausschliesslich "erstklassige Produkte", niemals
Abschnitte, sondern immer ganze Stücke. Was andere über den
Ladentisch verkaufen, landet bei der Metzgerei Schmid in der Wurst: Voressen,
Brust und Schulter vom Kalb, kerniger Hals- und Nackenspeck vom Schwein.
Hinzu kommen noch frische Milch, Pfeffer und Macis (das Netzchen, das
die Muskatnuss umschliesst), etwas Glutamat und sehr wenig Phosphat.
All dies wird im Blitzhacker mit propellerartigen Messern zu Brät
verarbeitet und in Schweinsdärme aus China gespritzt. Anschliessend
landen die weissrosa schimmernden Frischwürste in einem Kessel,
wo sie bei 74 Grad während 40 Minuten köcheln. Dann noch kalt
duschen - fertig ist die Herrlichkeit.
Zur Qualitätskontrolle gehört, dass von jeder Produktion -
bei der Metzgerei Schmid beginnt sie morgens früh um vier - einige
Würste versucht werden. Oscar Peter verspeist die Wurst zum Zmorgen
am liebsten erwellt, das heisst, aus dem heissen Wasser gezogen. Für
eingefleischte St. Galler das pure Vergnügen.
Andreas Heller
Foto: Caspar Martig
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