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Geschichten
Liebeserklärung an eine Sankt Gallerin
Bei deinem Anblick – wer will mich verdammen? –
regt sich ein heisser Appetit in mir
und läuft das Wasser mir im Mund zusammen,
so fasziniert und hin bin ich von dir.
Dein Duft betört mich, knusprig-zartes Wesen,
wie keiner sonst, der aus der Küche dringt,
auch wenn die Zwiebel – weniger erlesen,
dafür geröstet – mich zum Weinen bringt.
Du Braungebrannte, tu mir den Gefallen:
Bleib weiter so und schenk dem, der dich liebt,
noch viele kulinarisch frohe Stunden!
Heiss grillierte Bratwurst aus Sankt Gallen,
du wirst, solang es unverfälscht dich gibt,
mir bis ans Ende meines Lebens munden!
Fridolin Tschudi 1912-1966
Wurstiaden eines kulinarischen Vaganten
Von Aldo Clerici
Mein Sternzeichen ist Wurst. Und: Mein Alltag ist Wurst. Genauer: Mein
kulinarischer Alltag. Seit Jahren.
Schon früh bin ich auf die Wurst gekommen. Die ersten gierigen Blicke
in der Metzgerei. Warten auf die Bestechung: ein Wursträdli, aus roten
Wurstfingern.
Die ersten selbstständigen Verpflegungsversuche am Jahrmarkt, Schützen-
und Waldfest: eine Wurst. Und später, allein in der neuen, weiten Arbeitswelt,
ist die Wurst nahe, näher jedenfalls als die Schlummermutter.
Dazwischen werde ich ihr allerdings hie und da untreu, der Wurst. Da gab es
plötzlich vollständige Menüs, abgepackt in Plastiksäcke:
schnell ins heisse Wasser, und fertig ist der kulinarische Höhenflug.
Da habe ich mich sogar einmal getraut, eine Frau zum Essen einzuladen. Reis
mit Currygeschnetzeltem habe ich aufgetischt. Und sie hats gegessen! Allerdings
durfte sie bei der Zubereitung nicht zuschauen. Es sollte eine Überraschung
sein. Ihr Kommentar, nachdem ich das Geheimnis gelüftet hatte, brachte
mich wieder auf die Wurst: Igitt!
Es soll mich niemand bedauern. Erstens mache ich das freiwillig, und zweitens
sind das Mahlzeiten nicht nur von nichtsnutzigen Würstchen, sondern auch
von Königen! Wie oft habe ich ihn getroffen, hingebungsvoll kauend, der
Umwelt klar demonstrierend: «Mir schmeckts!»: König Kraska.
Und er hat mir einen wahrhaft heissen Tipp gegeben: Wurst und Brot gehören
zusammen, aber sie passen nicht überall zusammen, vor allem nicht in Sachen
Qualität.
Die besten Brote, oder halt eben: Büürli, die gibts beim Bellevue,
die Wurst dazu kann zwar ebenfalls gegessen werden, schliesslich gehört
sie zu den teuersten auf dem Platz Zürich, aber wegen der Wurst muss du
nicht ans Bellevue. Die Wurst holst du dir an der Niederdorfstrasse, an der
Ecke zur Mühlegasse. Dort kannst du aber das Brötli gleich wegschmeissen.
Diese sind zwar so etwas wie Standardqualität aller Würstlibuden:
Sie schmecken nach nichts, wenn du dreinbeisst, fällt gleich die Rinde
weg, zerbröselt, und du machst eine Schweinerei, von der dann die Spatzen
das ganze Jahr leben.
Mein Stammstand ist allerdings jener bei der Longstreet-Bar. Das Publikum ist
hier ungewöhnlich gemischt, und öfter steht hier nicht die Wurst,
sondern das Wort im Mittelpunkt. Manchmal auch Fäuste. Oder Biergesabber.
Anmache. Dafür krieg ich hier manchmal noch eine Wurst, wenn es längst
keine mehr geben dürfte. Oder kürzlich steckte einem Gast ein Messer
im Rücken – wie im Film –, weil eine Frau glaubte, ihr Freund
werde angegriffen, obwohl es auch in diesem Fall nur um eines ging: um die
Wurst.
Quelle: www.clerici-partner.ch, a.clerici@clerici-partner.ch |